Literarisches Weilburg

Weilburger Sagen

Die Kusslinde

"Die Kusslinde"
Weilburg, Lahn, Bildnis von Graf Johann Ernst

Bildnis von Graf Johann Ernst

Auf der östlichen und westlichen Bastion der unteren Schlossgartenterrasse stehen jeweils eine Linde und bei den Weilburgern heißen diese Bäume "Kusslinde". Dabei ist es vor allem die Linde auf der Westseite in der Nähe des alten Stadtturmes, die mit diesem Namen bezeichnet wird. Die Namensgebung "Kusslinde" soll auf Graf Johann Ernst zurückgehen, der die ersten Lindenanpflanzungen an diesen Stellen veranlasst hatte.

Johann Ernst wurde am 13. Juni 1664 geboren. Sein Vater war Graf Friedrich von Nassau-Weilburg, seine Mutter Christiane Elisabeth von Sayn-Wittgenstein. Johann Ernst hatte noch einen Bruder Friedrich Ludwig und eine Schwester Christiana. Ihr Vater starb an den Spätfolgen eines Sturzes mit dem Pferd 1675, ihre Mutter starb 1678. So hatte Johann Ernst mit elf Jahren den Vater verloren und mit vierzehn Jahren die Mutter. Nach dem Tod des Vaters regierte Johann Ernst unter der Vormundschaft von Graf Johann Ludwig von Nassau. Am 03. April 1683 vermählte Johann Ernst sich der am 07. Februar 1662 geb. Maria Polyxena Gräfin von Leiningen-Dachsburg-Hartenberg. Er stand zu diesem Zeitpunkt noch unter Vormundschaft; die selbstständige Regierung übernahm er 1684.

Weilburg, Lahn, Kusslinde mit altem Stadtturm

Kusslinde mit altem Stadtturm

Die Vermählung hatte Johann Ernst gegen manchen Widerstand durchgesetzt, wohl auch gegen den seines Vormunds. Es gab deshalb zuvor eine Zeit der Unsicherheit und der Heimlichkeiten mit seiner Liebe und an diese erinnerte sich Graf Johann als er in späteren Jahren Schloss, Park und Stadt nach seinen Vorstellungen umgestaltete.

Die Zeit seiner heimlichen Hoffnungen und der beginnenden Liebe zu seiner Gattin war besonders verbunden mit der Erinnerung an den ersten Kuss. Und diesen tauschten beide nahe der alten Stadtmauer und des Stadtturms. Als dann der Park mit der unteren Schlossgartenterrasse vollendet war, beschloss Graf Johann Ernst in Erinnerung an den ersten heimlichen Kuss dort eine Linde pflanzen zu lassen und diese erhielt den Namen "Kusslinde".

Weilburg, Lahn, Die Kusslinde auf der westlichen Bastion

Die Kusslinde auf der westlichen Bastion


Bleibt noch nachzutragen, dass der Ehe von Graf Johann Ernst mit Maria Polyxena vier Töchter und vier Söhne entstammten. Johann Ernst verstarb am 27. Februar 1719, seine Gattin Maria Polyxena am 22. April 1725. Die zu Zeiten von Graf Johann Ernst gepflanzten Linden fielen wenige Jahre nach dem zweiten Weltkrieg Frühjahrsstürmen zum Opfer und wurden durch Neupflanzungen ersetzt.

Noch ein Vierteljahrtausend nach der Erstpflanzung unter Johann Ernst soll die "Kusslinde" ein Platz gewesen sein, an dem auch "verbotene Küsse" ausgetauscht werden durften.

Beweise dafür, dass es sich mit der Namensgebung für die Linde so zugetragen hat wie es erzählt wird, gibt es nicht. Und für "verbotene Küsse" - so es diese heute noch gibt - ist jedenfalls kein besonderer Platz mehr erforderlich. Aber auch wenn die Geschichte der "Kusslinde" nicht wahr ist, so ist sie doch wenigstens schön erfunden.