Sehenswert in Weilburg
Straßen, Gassen, Häuser
Vorstadt
Vorstadt, Haus Nr. 2, an der Einmündung Marktstraße
Die Einmündung der Marktstraße markiert den westlichen Anfang der "Vorstadt" genannten Straße, der östliche Stadtausgang am Landtor bezeichnet das Ende der Vorstadt. Zu der Zeit, als die nur rechtsseitig vorhandenen Häuser gebaut wurden, 1701-1703, lag dieser kurze Straßenzug mit seinen Gebäuden tatsächlich in dem durch seine Bezeichnung ausgewiesenen Bereich, nämlich "vor der Stadt".
Zwar befanden sich Straße und Häuser hinter dem äußeren Stadttor, das etwa auf Höhe des Hauses Vorstadt 20 stand, aber noch vor dem, etwa auf Höhe des Hauses Vorstadt 4 befindlichen, Mauerdurchlass. Im Innern der Stadt war man erst nach Passieren dieses Durchlasses.
Das taunusseitig gelegene Stadttor war als Doppeltoranlage erbaut. Nach dem äußeren Tor, dem "Kirchhofstor" (auch "Wetzlarer Tor") folgte stadtseitig die den Stadtgraben querende Holzbrücke und dann die sog. "Kuhhirtenpforte". Die Toranlage hatte an der Nordseite Anschluss an die vom Stadtturm kommende Mauer die etwa bis zum Haus Marktstraße 21 verlief. Südlich führte etwa auf der Linie der heutigen Häuserrückfronten der Vorstadt die Stadtmauer zum Mauerdurchlass "Mappestheißenpforte", etwa am heutigen Haus Vorstadt 4.
Vorstadt, zum Landtor
Auf dem Terrain zwischen "Kuhhirtenpforte" und "Mappestheißenpforte" hatten bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg einige Häuser gestanden, die im Kriegsverlauf jedoch zerstört worden waren. Die in den Jahren 1701-1703 auf Veranlassung von Graf Johann Ernst von Nassau-Weilburg vorgenommenen Baumaßnahmen, sollten Ersatz schaffen für die im Zusammenhang mit der geplanten Stadtgestaltung niedergelegten Häuser.
Die acht aus Stein errichteten baugleichen, zweistöckigen Häuser mit einer Erkerstube im Giebel ließ Graf Johann Ernst bis zum Rohbau fertig stellen und veräußerte sie dann für 400 Gulden an Interessenten. Zur Zeit des Häuserbaus wurde auch der gegenüberliegende Erdabhang abgetragen und eine Futtermauer aufgeführt. In einer muschelförmigen Mauernische war der Vorstadtbrunnen untergebracht. Die Mauer wurde 1959 im Zusammenhang mit einer Straßenverbreiterung um ca. 2 m zurückgesetzt, wobei auch der Brunnen entfernt werden musste. An der entsprechenden Stelle erinnert heute nur noch ein Nischenumriss an den Brunnenstandort.
Weilburg; Vorstadt, zur Marktstraße
Die "Mappestheißenpforte" wurde 1704 niedergelegt und 1712 die Doppeltoranlage am äußeren Zugang zur Stadt. Diese Toranlage wurde durch einen Neubau nach einem Entwurf von Julius Rothweil ersetzt. Es war ein aus Bruchsteinen errichtetes und weiß getünchtes, zweistöckiges Gebäude, etwa 17 m lang, 10 m breit und 9-10 m hoch mit etwa 6 m breitem Durchlass. Im oberen Stock befanden sich die Wohnungen des Pförtners und des Hirten, die unteren Räume wurden als Wachtstube und Gefängnis genutzt.
Der neue Torbau wurde bereits 1758 zusammen mit zwei der unter Graf Johann Ernst errichteten Wohnhäuser wieder abgerissen, da auf dem Gelände der Wohnhäuser ein Zucht- und Arbeitshaus errichtet werden sollte und die Vorstadt verlängert wurde. Dem Wunsch der Stadt zur Errichtung eines neuen Stadttors in der alten Form entsprach Fürst Karl Christian von Nassau-Weilburg (1753-1788) nicht, es wurde statt dessen das heutige Landtor als repräsentativer Stadtzugang erbaut. Als Ersatz für die beiden niedergelegten Wohnhäuser wurden am westlichen Beginn der Vorstadt die Häuser Vorstadt 2 und Mauerstraße 12 errichtet.
Als Ersatz für das mit dem Kirchhofstor abgerissene Torwächterhaus wurde zwischen dem Zucht- und Arbeitshaus und dem neuen Landtor ein einstöckiges Wachthäuschen erbaut. Dieser, auf einem Sandsteinsockel aufgeführte einstöckige, verputzte Fachwerkbau wurde 1884 abgerissen.
Vorstadt 24, ehem. Zuchthaus und ehem. katholische Kirche
Angelehnt an die andere Landtorseite befand sich ein einstöckiger Holzbau auf einem niedrigen, massiven Bruchsteinsockel. Das Baujahr dieses Gebäudes ist nicht bekannt. Bezeichnet wurde es mit Bürgerlichem Gefängnis oder Civilgefängnis, diente jedoch wahrscheinlich mehr als Untersuchungsgefängnis. Dieses Civilgefängnis wurde bereits 1862 abgerissen, da das neue bereits 1856 am Mühlberg errichtet worden war.
Bis ca. 1870/1880 stand vor der Mauer unterhalb des alten Stadtturms und des Schlossgartens ein einfaches Gebäude, evtl. ein Stallgebäude, an dessen Stelle dann ein Wohnhaus gebaut wurde. In dieses Wohnhaus raste am 06.06.1953 ein Lastwagen, wobei drei Menschen starben. Das Haus wurde abgerissen. Die Freifläche wird seitdem als Parkplatz für Kraftfahrzeuge benutzt. Über eine Treppe ist von hier aus der Zugang in den Schlossgarten möglich. Der Platz erhielt 1998 den Namen König-Konrad-Platz.
Beginn der Vorstadt am Landtor
Das ab 1758 errichtete Zucht- und Arbeitshaus wurde nach den Plänen und unter der Bauleitung des fürstlichen Lustgärtners und Baumeisters Johann Friedrich Sckell erbaut. Entsprechend seiner Bestimmung war es ein schmuckloser Bruchsteinbau, der der zur Straßenfront zwei Fensterreihen aufwies, zur abfallenden Lahnseite hin vier. Der Gefängnisraum befand sich im Keller, zwei Arbeitsräume und Schlafsäle im Souterrain, Zellen, Krankenstube und Wachtmeisterwohnung waren in den zwei oberen Stockwerken untergebracht.
Eine herzogliche Anordnung verfügte 1810 die Verlegung des Zuchthauses nach Diez. Das Gebäude wurde dann zu Wohnzwecken genutzt, bis es 1816 für einen Teil des nach Weilburg verlegten 1. Bataillons des 1. Regiments Nassau-Oranien als Unterkunft diente. 1820 zogen die Soldaten in die Hainkaserne um.
Vorstadtbrunnen am früheren Standplatz in der Vorstadt
(Foto: Lexikon zur Stadtgeschichte, s. u.
Quellenangaben)
Bereits 1815 war das Gebäude in den Besitz der katholischen Kirche übergegangen. Diese baute das ehemalige Zucht- und Arbeitshaus zur Kirche um, die am 04.11.1821 eingesegnet und dem heiligen Karl Borromäus geweiht wurde. 1884/85 wurde nach den Plänen von Max Spinn ein neugotischer Kirchenchor angefügt, der aus unverputzten Bruchsteinen mit Strebepfeilern, Dachreiter und rundem Treppentürmchen erbaut wurde.
1959 weihte die katholische Gemeinde ein neues Gotteshaus an der Frankfurter Straße ein. Das Gebäude in der Vorstadt wurde in Privatbesitz verkauft und nach weiteren Umbauten kommerziell genutzt. Durch die unterschiedlichsten Nutzungen hat das ursprüngliche Zucht- und Arbeitshaus wesentliche bauliche Veränderungen erfahren. Nur der als Einzeldenkmal ausgewiesene Chor der ehemaligen Kirche ist unverändert und bildet zusammen mit dem Landtor, dem alten Stadtturm und den Schlossgartenmauern eine charakteristische Gruppierung am Stadtzugang.
