Presseberichte zu Weilburg
Vermischtes
Weilburger Tageblatt vom 01.02.2000
Auf den Spuren einer der einst mehr als ein Dutzend Brauereien in Weilburg
Unter der alten "Herberge zur Heimat" in der Weilstraße fand Hans Lehnhardt 31 Meter tiefe ehemalige Bier- und Eiskeller
Weilburg (dn). Als Hans Lehnhardt im Jahr 1996 von der Stadt Weilburg das Haus kaufte, war er sich im Klaren darüber, dass an dem eigentlich zum Abbruch vorgesehenen Gebäude viel Geld und Arbeit aufzuwenden ist, bis es wieder bewohnt werden kann. Aber zunächst dachte er kaum daran, dass sich darunter ein großes Gewölbe, mehrere sowohl schmale als auch geräumige Gänge, Lüftungsstollen und -schächte, ein Brunnen und noch mehr finden würde, was Ihn bestimmt noch lange beschäftigen wird.
Am Stadtausgang Richtung Guntersau liegt gleich hinter der Eisenbahnunterführung in der Weilstraße links an den Hang geklebt das Haus, das früher "Herberge zur Heimat" hieß. Sozialhilfeempfänger und auch schon mal Obdachlose hatten hier Unterschlupf gefunden. So war es nicht nur verwohnt, sondern hatte auch erheblichen Schaden an der Bausubstanz genommen.
Bürgermeister Hans-Peter Schick und Ruth Kugelstadt-Braun (vom Sanierungsbüro der Stadt) ließen sich die verschiedenen Gänge, Räume und Gewölbe unter der ehemaligen "Herberge zur Heimat" von Hans Lehnhardt zeigen.
Für den gelernten Maurer und Meister für Estrich und Bodenbelag Hans Lehnhardt war das eine neue Aufgabe, nachdem er früher bereits so manches alte Haus saniert hatte. Aber nicht nur der Reparatur und Sicherung von Dach und Wänden galten seine Aktivitäten, sondern auch dem Keller, dessen Eingang direkt an der Straße liegt.
"Mehrere Fuhren leere Flaschen und anderen Unrat mussten wir wegbringen," erzählt er und machte sich dann nach den ersten freien Metern an die nächste Station der bis dahin offenbar als Mülldeponie genutzten Räume in dem Fels.
Müllhalde verbarg ummauerte Gewölbe
Mindestens 30 Herde, Waschmaschinen und andere große Küchengeräte mussten er und sein Sohn Christian entsorgen, ehe sie staunend entdeckten, welch geräumige größtenteils ummauerte Gewölbe sich dann Stück für Stück zeigten: Ehemalige Lager- und Kühlkeller der einstigen Brauerei Rosenkranz, an deren Stelle später die Herberge errichtet wurde. Einen Antrag, datiert vom 2. Mai 1865, fand Lehnhardt in alten Unterlagen, mit dem Ferdinand Rosenkranz die Erlaubnis für einen weiteren Lüftungsschacht erbat.
Nach etwa zehn Metern geduckt durch einen nackten Felsgang gehend, kommt der Besucher in einen breiten Raum, in dem früher offenbar Fässer gelagert wurden. Rostige Haken an der Wand lassen auf spätere anderweitige Verwendung des Raumes schließen: Wurde hier, vielleicht während des Krieges oder danach, schwarz geschlachtet? ältere Weilburger erinnern sich, dass sie hier auch Schutz bei Bombenalarm fanden.
Noch muss Hans Lehnhardt viel Schutt aus den Gängen räumen. (Fotos: Dieter Nobbe, www.dinpress.de
Danach teilt sich der Keller in zwei Richtungen weiter in den Berg; an deren einem Ende ein fast fünf Meter hoher domartiger Raum mit mehreren Schächten in der gewölbeartig gemauerten Decke, die zum einen der Lüftung, zum anderen der Befüllung mit Eis dienten: Das hat man im Winter aus der benachbarten Lahn den Hang hoch gebracht und ließ es von dort über Schächte in den Eiskeller fallen. Der kühle Felsberg hielt es bis in den Sommer hinein frisch.
In der anderen Richtung wechseln sich geräumige Gänge mit schmalen, nur geduckt begehbaren, ab. Immer wieder zweigen kleine Schächte und Stollen ab, die wohl noch manches Geheimnis bergen. Ein Brunnen führt in die Tiefe, Reste von Holzstufen darin hat Lehnhardt entdeckt. Was hat das wohl zu bedeuten?
In einem ummauerten Gewölbe, 31 Meter tief im Berg, hat er gerade vor wenigen Tagen mit der Hilfe einer Kerzenflamme Luftzug entdeckt - was verbirgt sich dahinter? Und was hat der schwarze Streifen in einer Felsdecke zu bedeuten, vielleicht eine wenige Zentimeter breite Kohleader? Geologen, Mineralologen und Historiker werden hier wohl noch etliche Betätigungsmöglichkeiten finden.
Auch von außen her, in dem Hanggrundstück hoch über Weilstraße, Bahngleisen und Lahn forschen die Lehnhardts nach den Resten der Brauerei, die einst einmal eine von dreizehn in Weilburg gewesen sein soll. An einem in den Felsen gehauenen Schacht graben sie zurzeit, etwa sechs Meter tief sind sie schon. Ein anderer ist bereits freigelegt, mehrfach hat Lehnhardt seine freie Öffnung schon mit Holz abgedeckt, was Unbekannte unverständlicherweise wieder beseitigt haben.
Bierkeller mit eigenem Charme
Er macht sich Sorgen um die Sicherheit, denn obwohl an der Grundstücksgrenze unterhalb der Bismarckstraße abgezäunt, betreten offenbar Fremde immer wieder das steile Gelände. Müllablagerungen und gefällte Bäume musste er in den letzten Jahren mehrfach feststellen.
Was aus den Bierkellern einmal werden könnte, lässt viel Raum für kreative Ideen, die scheitern zunächst aber an praktischen Dingen: Kein Parkplatz in der Nähe, der Eingang an der vielbefahrenen Weilstraße hat nicht einmal einen Bürgersteig. Andererseits haben die gut gelüfteten und temperierten Räume einen eigenen Charme.
Zunächst werden die Lehnhardts, die vor einem knappen halben Jahr von ihrer Pension in der Weilburger Altstadt in ihr neues altes Haus umgezogen sind, nach weiteren Entdeckungen in der Nachbarschaft des Webersbergs suchen. Nach dem bisher Vorgefundenen würden neue Überraschungen eigentlich nicht überraschen.
