Ballonfahrten

Ballonfahrten nach Weilburg

Greens Ballonfahrt von London nach Niedershausen im Jahre 1836

Einundfünfzig Jahre nach der spektakulären Ballonfahrt Blanchards von Frankfurt nach Weilburg, fand das Herzogtum Nassau mit Weilburg erneut Einzug in die Geschichte der Luftfahrt. Es war die sensationelle Rekordfahrt des Engländers Charles Green, die etwa 9 km von Weilburg entfernt, bei der Lochmühle in dem sich zwischen Dillhausen und Niedershausen hinziehenden Elbertal, endete. In fast allen deutschen und in vielen ausländischen Zeitungen wurde über diese Fahrt ausführlich berichtet.

Gebaut worden war der Ballon nach den Plänen von Charles Green, einem der erfahrensten Ballonfahrer seiner Zeit, der seit seinem ersten Flug 1821 bereits zweihundert Ballonfahrten unternommen hatte. Green verwendete für die Füllung der Ballonhülle Kohlenwasserstoffgas (Leuchtgas). Dieses Gas war sehr viel preiswerter in der Herstellung als der noch von Blanchard verwendete reine Wasserstoff. Eine Befüllung mit Leuchtgas war ohne weitere Gerätschaften überall dort möglich, wo sich ein Gaswerk befand und damit auch Kokereigas verfügbar war.

Finanziert hatte den Ballonbau die Firma Gye & Hughes, die auch Eigentümerin des Startgeländes Vauxhall Gardens war; Green kaufte seinen Finanziers später den Ballon ab. Die Ballonhülle war aus rot-weiß-gestreifter italienischer Seide gefertigt worden und 24 m hoch. Das Volumen betrug 2.500 Kubikmeter, die Gondel allein hatte ein Gewicht von ca. 16 Zentnern. Getauft worden war der Ballon am 09. September 1836 auf den Namen "Royal Vauxhall".

Green, Hollond, Monck-Mason

Von links: Walter Prideaux; John Hollins, Sir William Milbourne James, Robert Hollond, Thomas Monck Mason, Charles Green
Nach einem farbigen Gemälde von John Hollins

In der großen Gartenanlage im Londoner Stadtteil Vauxhall begannen am frühen Morgen des 07. November 1836 die Startvorbereitungen. Mehrmals war der Start wegen ungünstiger Wetterbedingungen bereits verschoben worden. Eine öffentliche Ankündigung des Ballonstarts hatte nicht stattgefunden, trotzdem fanden sich während der Vorbereitungen mehrere tausend Menschen am Startplatz ein und man befürchtete schon, dass die den Platz umgebenden Planken und Zäune den andrängenden Massen nicht standhalten würden.

Für die Fahrt war als konkretes Ziel die Erreichung des Kontinents geplant, nach Möglichkeit mit der Richtung Paris, da der Balloneigentümer dort den nächsten Ballonstart vorgesehen hatte. Wegen der Unwägbarkeiten einer Ballonfahrt aber hatte man sich auch für andere denkbare Eventualitäten ausgerüstet, auch für eine mehrtägige Fahrtdauer und eine Landung in unwirtlichen Gebieten.

Im Korb befanden sich zwei Bänke als Sitzgelegenheiten und der Boden war mit einer Polsterung versehen, die auch zum Schlafen gedacht war. Als Ballonfahrtutensilien waren Seile, Barometer, Teleskope, Lampen, Sprechrohre, Leuchtkugeln und Raketen, Ballast im Gewicht von mehr als einer Tonne, dazu Mäntel, Reisesäcke, Holz- und Kupferfässer, Wein, Brandy, Spiritus und Proviant für zwei Wochen an Bord. Ein besonderer Ausrüstungsgegenstand war eine Maschine, die zum wärmen von Kaffee und anderen Flüssigkeiten diente. Genutzt wurde dabei die beim löschen von Kalk entstehende Wärme. Erstmals erprobt werden sollte bei der geplanten Fahrt die Verwendung eines Schleppseils, das nach Greens Überzeugung half Ballast zu sparen und bei Bodenerhebungen die Gefahr eines Aufpralls mindern sollte. (Beim Gasballon wird noch heute ein Schlepptau verwandt um die Ballonbewegungen vor der Landung zu stabilisieren.)

Gegen 13.00 Uhr war die Hülle gefüllt und die Luftfahrer gingen an Bord des Ballons "Royal Vauxhall". Begleitet wurde Charles Green von Dr. Robert Hollond, Abgeordneter und Vertreter der Vauxhall-Gesellschaft und dem irischen Theaterproduzenten Thomas Monck Mason. Um 13.30 Uhr stieg der Ballon auf und bei idealen Wetterbedingungen trieb der Ballon in südöstlicher Richtung. Um 16.48 Uhr wurde die Kanalküste bei Dover erreicht, der Kanal selbst bei einsetzender Dunkelheit und eingehüllt in Wolken überquert.

Eine Stunde nachdem die englische Küste verlassen worden war, erreichte der Ballon bei wieder klarem Himmel die französische Küste nahe bei Calais. Die Ballonfahrer bereiteten für die Nachtfahrt Lampen vor, um diese bei Gefahr zum Erdboden ablassen zu können. Dann stand eine ausgiebige Mahlzeit an, zu der die Balloninsassen bisher nicht gekommen waren. Zu diesem Essen gab es Rindfleisch, Schinken, Geflügel und Zunge, außerdem Brot, Käse und Wein. Auch die Kaffeemaschine wurde erprobt und funktionierte bestens.

Leider hatte man diese Maschine nicht lange zur Verfügung, denn beim hantieren mit dem Gerät fiel ein Teil der Kaffeemaschine über Bord. So gab es gerade zur kühlen Nachtstunde keine Möglichkeit ein wärmendes Getränk herzustellen und der für die Kaffeemaschine reichlich mitgeführte Kalk war nur noch als Ballast von Nutzen.

Bei der Überquerung von Lüttich brannten die Ballonfahrer ein bengalisches Licht ab und richteten über das Sprachrohr einige deutsche und französische Worte an  die Menschen unter ihnen. Nach Lüttich, das durch seine Eisenwerkstätten und Feuer weithin sichtbar war, überquerte der Ballon Landstriche in denen kein Lichtschein zu sehen war und trieb bis zur Morgendämmerung durch eine fast vollkommene Dunkelheit und Schwärze.

Greens Ballon "Royal Vauxhall", später "Royal Vauxhall and Nassau"

Greens Ballon "Royal Vauxhall",
später "Royal Vauxhall and Nassau"

Zur frühen Morgenstunde, gegen 05.10 Uhr, stieg der Ballon von seiner bisherigen durchschnittlichen Fahrthöhe bei 1.000 Fuß auf eine Höhe von über 12.000 Fuß und erreichte damit die äußerste Steighöhe während der gesamten Fahrt. In der Folge bescherten wechselnde Ab- und Aufstiege des Ballons seinen Insassen einen dreimaligen Auf- und zweimaligen Untergang der Morgensonne, bevor diese sich dann tatsächlich über den Horizont schob.

Das nun erkennbare Landschaftsbild bot den Ballonfahrern keinerlei Anhaltspunkte um die Position zu bestimmen, sie befürchteten bereits die Ebenen Polens oder Russlands erreicht zu haben, was daraus resultierte, dass die zurückgelegte Entfernung völlig ungewiss war. Es wurde deshalb beschlossen, baldmöglichst die Landung einzuleiten.

Als man durch die morgendlichen Nebelschleier im hügeligen Gelände ein ausgedehntes Bauwerk auf einem der Gipfel erspähte, dazu eine Ansammlung bescheidener Häuser und auch zwei größere Ortschaften in der Nähe, von wo man Hilfe bei der Landung erhoffen konnte, öffnete man das Ventil und begann die Landung einzuleiten.

Für die Landung hatte man sich das erste von zwei kleinen Tälern ausgesucht. Ein plötzlich aufkommender Windstoß vereitelte diesen Landeversuch jedoch und nur durch schnellsten Abwurf von Ballast erreichte der Ballon wieder eine Höhe, die ihn über die Baumwipfel ins nächste Tal trugen. Auch dort gelang nur knapp die schwierige Landung und es war 07.30 Uhr als der ausgeworfene Anker im Boden Halt fand.

Als der Ballon gesichert war und ein Ausstieg aus dem Korb möglich, trauten sich auch die bis dahin abseits stehenden Bewohner näher an das Gefährt heran. Mit ihrer Hilfe fand dann die vollständige Bergung des Ballons statt, wobei die Ballonfahrer mit der Ausgabe von Wein, Brandy und Keksen aus ihrem reichlichen Vorrat nicht geizten. Um 12.00 Uhr war der Ballon im Korb verstaut und bereit für seinen Transport und den seiner Besatzung nach dem 9 km entfernten Weilburg. Es vergingen allerdings noch 1 1/2 Stunden bis ein Fuhrwerk herangeschafft werden konnte, mit dem sich die Fahrt nach Weilburg bewerkstelligen ließ. Schließlich aber setzte sich der Transport in Bewegung, begleitet von einer größeren Menschenmenge.

Die Kunde von der Ballonlandung war schon in Weilburg eingetroffen und Green, Hollond und Monck Mason wurden mit Beifall bei ihrem Eintreffen begrüßt. Der Ballon wurde in die Reithalle gebracht und dort so weit wie möglich ausgebreitet und mit Luft befüllt. Dadurch war es möglich die Hülle auf evtl. Schäden zu untersuchen und zu trocknen. Man kam damit aber auch der Neugierde und Wissbegierde der Bevölkerung entgegen, die den Ballon in der Reithalle besichtigen konnte und dazu aus weitem Umkreis nach Weilburg strömte.

Bis zum 20. November blieben die Ballonfahrer in Weilburg, wo sie im Hotel Traube logierten. Es gab in dieser Zeit Bälle, Diners, Konzerte und andere Veranstaltungen zu ihren Ehren. Eine der festlichen Veranstaltungen war am Vortag der Abreise die (nochmalige) Taufe des Ballons. Dieser war dazu so groß wie möglich aufgebläht worden und unter Teilnahme von Taufzeuginnen und Taufzeugen sowie acht jungen Damen wurde der Ballon "Royal Vauxhall" auf den Namen "Royal-Vauxhall and Nassau" (Monck Mason schreibt "The great ballon of Nassau") getauft. Bei dem festlichen Abendessen am gleichen Tag wurde Green mit einem Lorbeerkranz auf dem Kopf geehrt.

Herzog Wilhelm von Nassau, der sich in diesen Tagen bei einem Jagdaufenthalt in der Nähe von Montabaur im Westerwald befand, ließ man als Dank für die gastfreundliche Aufnahme in seinem Gebiet und zur Erinnerung an das denkwürdige Ereignis zwei auf der Luftfahrt mitgeführte Flaggen übergeben. Eine der Flaggen hatte Green auf 221 Luftfahrten begleitet. Dargestellt sind die Insignien Britanniens und Allegorien zur Geschichte und Entwicklung der Luftfahrt. Die Flaggen befinden sich heute, zusammen mit der von Blanchard aus dem Jahr 1785, im Bergbau- und Stadtmuseum Weilburg.

Am Morgen des 20. November reisten Green, Monck Mason und Hollond mit dem auf einem Fuhrwerk verstauten Ballon in Richtung Koblenz ab. Green und Monck Mason traten von dort die Weiterreise nach Paris an, während Hollond nach England zurückkehrte.

Angeregt von dem Rekordflug schrieb Edgar Allen Poe 1844 die fiktive Kurzgeschichte The Ballon Hoax, die in der Zeitung New York Sun in Form eines Tatsachenberichts erschien. Die Ballonlandung und der anschließende Aufenthalt der Ballonfahrer in Weilburg war auch Grundlage für die von W. H. Riehl 1873 verfasste kulturhistorische Novelle "Der verrückte Holländer".

Mit der 18-stündigen Fahrt des Ballons "Royal Vauxhall" am 07./08. November 1835 von London in das Herzogtum Nassau, es war Greens 226. Ballonfahrt, hatten die drei Luftschiffer eine Rekordfahrt über eine Entfernung von 500 Meilen absolviert, die erst im Jahr 1907 übertroffen werden konnte.

Biografisches
Charles Green

Charles Green

Charles Green wurde am 31. Januar 1785 in London geboren. Er starb am 26. März 1870 in London an einer Herzkrankheit.

Sein Vater war der Obsthändler Thomas Green und Charles trat nach der Schule in das Geschäft des Vaters ein. Seinen ersten Aufstieg startete er im Green Park in London mit dem "George IV, Royal Coronation Balloon" am 19. Juli 1821. Dies war gleichzeitig auch die erste bemannte Fahrt mit einem Kohlenwasserstoff gefüllten Ballon.

Mit der Fahrt von London nach Niedershausen/Dillhausen bei Weilburg in dem Ballon "Royal Vauxhall" am 07./08. November 1835 fuhr er die Rekordstrecke von über 500 Meilen.

Bei einem Ballonaufstieg am 24 Juli von Vauxhall Gardens unternahm einer seiner Mitfahrer, Robert Cocking, einen Absprung mit einem selbst entworfenen Fallschirm aus einer Höhe von Höhe von 5.000 Fuß und kam dabei ums Leben.

 Green unternahm seine letzte Ballonfahrt am 13. September 1852 von Vauxhall Garden aus. Er war einer der erfahrensten Pioniere der Ballonfahrt des 19. Jahrhunderts und als er sich aus der Ballonfahrt zurückzog, hatte er mehr als 520 Fahrten unternommen.

Charles Green war mit Martha Morell verheiratet. Ihr gemeinsamer Sohn George war ebenfalls Ballonfahrer und unternahm mit dem "Royal-Vauxhall and Nassau" 83 Fahrten, bevor er im Alter von 57 Jahren am 10. Februar 1864 verstarb.