Presseberichte zu Weilburg

Teilortsumgehung

Weilburger Tageblatt vom 12.04.2000

Die Brücke
Eine Serie von Wolfgang Henss

Der Wettbewerb der Varianten begann mit einem total missglückten Ballonstart

Weilburg, Lahn, Luftbild, Bereich Landtor und Schloss zur Bahnhofstraße; WT v. 12.04.2000

Der Ist-Zustand: Blick aus der Vogelperspektive auf das Gelände an der Lahn zwischen Postplatz und Landtor, das so allerdings nicht mehr aussieht, haben doch mittlerweile die Arbeiten am Postplatz mit dem Bau des Regenüberlaufbeckens begonnen. Außerdem wurde die Trasse von Mitarbeitern des Hessischen Amtes für Straßen- und Verkehrswesen freigeschnitten.

Weilburg. "Das Straßenbauamt hat bereits genaue Pläne für eine neue Brücke über die Lahn". Als das TAGEBLATT am 10. März 1978 mit dieser Schlagzeile und einer Fotomontage einer Brücke zwischen Landtor und Hallenbad erschien, konnte niemand ahnen, wie treffend und unzutreffend gleichermaßen dieser Artikel die zukünftige Entwicklung beschrieb.

Immerhin entspricht die damals im Straßenbauamt ausgeheckte Planung im Grundsatz der Trasse, die in den nächsten Jahren verwirklicht wird.

Bezüglich der zu erwartenden Kosten und des Zeitrahmens lagen die damals zitierten Experten jedoch meilenweit daneben. Auf 11 bis 13 Millionen Mark schätzte man die Kosten der ortsnahen Umgebung, auf bis zu 10 Jahren die Planungs- und Bauphase.

Heute wissen wir es besser. Die Gesamtkosten werden auf 54 Millionen Mark geschätzt, von denen die Stadt rund 6,9 Millionen Mark zu zahlen hat, falls sich das Stadtparlament nicht für einen Verzicht auf den Bau der zweigeschossigen Parkanlage am Landtor entscheidet.

Weilburg, Lahn, Plan der Teilortsumgehung, Variante G; WT v. 12.04.2000

Die Variante G aus der Broschüre des Straßenbauamtes aus dem Jahr 1981. Gegenüber dieser Planung hat das Projekt heute viel von seiner Wucht verloren, besonders durch den Verzicht auf die Hochstraße im Ahäuser Weg vor dem Schiffstunnel mit Überführung des Bahnüberganges. Die unterirdische Parkanlage am Landtor ist noch nicht Bestandteil der Planung.

Und die Zeit? 22 Jahre sind bereits ins Land gegangen. Bis das Band vor der Brücke zerschnitten werden kann, werden weitere drei bis vier Jahre folgen.

Blicken wir noch einmal zurück ins Jahr 1978: Der TAGEBLATT-Artikel sorgte damals natürlich für Wirbel in der Stadt: Protest erhob sich. "Ein Kleinod wird zerstört" befürchteten viele Bürger. Eine recht unglückliche Aktion des Straßenbauamtes, das mit einer Schnur und daran aufgereihten Luftballons die neue Lahnbrücke simulieren wollte,erntete Spott und umso wütenderen Protest.

Weilburg, Lahn, Teilortsumgehung Weilburg, Plan der Variante F; WT v. 12.04.2000

Die Variante F, so wie sie in der Informationsbroschüre des Straßenbauamtes aus dem Jahre 1981 zur Diskussion gestellt wurde. Wie die Variante G sieht sie den Tunnel aus dem Weiltal vor. Die Bundesstraße allerdings macht am Landtor eine 180-Grad-Kehre, um dann in einem weiten Bogen vor dem Schiffstunnel über eine Brücke parallel zur Eisenbahnbrücke zu führen.

Hoffnungslos überlastet

Wie allerdings kam das Amt überhaupt auf die Idee? Dahinter steckte mehr als Willkür. In der Broschüre "Teilumgehung Weilburg an der Lahn, Verkehrsberuhigung der historischen Altstadt", die das Straßenbauamt im Oktober 1981 herausgab, konnte man die Grundlagen der Planung nachvollziehen, Aussagen, die auch heute nach wie vor ihre Gültigkeit haben:

Die Verkehrssituation in der Weilburger Altstadt ist höchst unbefriedigend. Schmale Straßenräume, unübersichtliche Einmündungen und enge Kurven behindern den Straßenverkehr. Die Belästigung der Bewohner und die Gefährdung der Fußgänger und anderer Verkehrsteilnehmer sind unerträglich. Die Bundesstraße 456 zwischen Landtor und Steinerner Brücke ist hoffnungslos überlastet. Nutzungsänderungen und Aufgabe der Gebäude sind die Folge. Einher geht ein spürbarer Verfall der Bausubstanz. Daher muss der Durchgangsverkehr vom Stadtteil bezogenen Verkehr getrennt werden. Unnötige Fahrzeugbewegungen im Kernstadtbereich sind zu vermeiden. Konsequenz dieser Feststellungen: Nur der Bau einer Umgehungsstraße kann Weilburg von seinen Verkehrsprobleme befreien.

Weilburg, Lahn, Brückenmodell der Teilortsumgehung

Der Soll-Zustand: Das Modell im Maßstab 1:200, das im Eingangsbereich des Weilburger Rathauses in der Mauerstraße zu sehen ist, zeigt den zukünftigen Verlauf der Bundesstraße 456 zwischen Landtor (rechts unten) und der Einmündung in die Limburger Straße (links), wie sie nach der im Planfeststellungsbeschluss festgelegten Variante G verwirklicht werden soll.

Das konnte jeder unterschreiben. Die Frage war nur: "Eine altstadtnahe oder eine ortsferne Umgebung?" Die eindeutige Antwort darauf ergaben die 1975 und 1979 vom Hessischen Straßenbauamt in Weilburg durchgeführten bzw. veranlassten Verkehrszählungen und -analysen. Die in Weilburg untersuchten Verkehrsströme und -beziehungen zeigten, dass mehr als 80 Prozent des Fahrzeugverkehrs sogenannter Ziel- und Quellverkehr sowie Binnenverkehr sind, während der Durchgangsverkehr weniger als 20 Prozent ausmacht. Das erlaubte die Schlussfolgerung, dass eine großräumige Ost- oder Westumgehung die Altstadt nur unwesentlich entlastet, während eine Teilumgehung dem historischen Stadtkern eine Entlastung von rund 75 Prozent bringt.

Tunnel unter dem Schlossberg?

"Somit kann nur eine Teilumgehung die Lösung der Verkehrsprobleme in Weilburg bringen", folgerten die Straßenbauexperten und stellten in ihrer Informationsbroschüre vier Altstadtumfahrungen näher vor.

Dabei erschien eine Westumfahrung mit einem Tunnel durch den Schlossberg und einer zweiten Lahnbrücke in Höhe des Wehres zunächst eine verlockende Lösung. Diese Variante wurde aber aus bautechnisch-geologischen Gründen bald ebenso verworfen wie eine komplette Westumfahrung mit einer zweiten Brücke unterhalb der Steinernen Brücke vor der Kreissparkasse.

Recht schnell reduzierte sich die Diskussion auf die sogenannten Varianten F und G. Im ersten Fall sollte der Verkehr über eine Brücke parallel zur Eisenbahnbrücke die Lahn queren, im zweiten Fall auf direktem Weg vom Landtor zum Hallenbad. In beiden Fällen wurde der Verkehr aus dem Weiltal durch einen Tunnel angebunden.

Beide Varianten sahen auch die Überführung der Bahnlinie vor, was den Bau einer Hochstraße im Ahäuser Weg vor dem Portal des Schiffstunnels nötig machte. Besonders wegen dieser Bauwerke zog sich das Straßenbauamt den Vorwurf der Gigantomanie" zu. Später wurde darauf verzichtet.

Das Straßenbauamt hielt beide Varianten mit ihren Vor- und Nachteilen für realisierbar, machte aber keinen Hehl daraus, dass es der Variante G den Vorzug gab, entsprach diese Trasse doch den Plänen, von deren Existenz die Öffentlichkeit im März 1978 durch das TAGEBLATT erfuhr.

Am 26. November 1981 entschied sich das Weilburger Stadtparlament mit 29 gegen 7 Stimmen für die Variante G, die in den Jahren danach noch manche Veränderung erfuhr, bis nach einem Architektenwettbewerb 1993 die Vorschläge des Münchner Architekten Kurt Ackermann mit einer Bogenbrücke in den Plan eingearbeitet wurden.

Immer wieder wurden die Veränderungen in Informationsveranstaltungen der Öffentlichkeit erläutert. Im Zuge dieser Bemühungen entstanden zwei Modelle der Variante G. Das erste im Maßstab 1:500, das noch von einer Brücke mit Flusspfeiler ausgeht, steht im Foyer der Stadthalle. Das zweite im Maßstab 1:200, in das auch die Ackermann'sche Bogenbrücke eingearbeitet ist, steht im Eingang des Rathauses in der Mauerstraße und kann von jedermann besichtigt werden. Dort, so Bürgermeister Hans-Peter Schick, soll es auch bleiben bis zur Fertigstellung der Teilortsumgehung.

Weilburg, Lahn, Teilortsumgehung, Aktion des Straßenbauamts

Mit Verwunderung, Kopfschütteln und schließlich beißendem Spott reagierte die Bevölkerung auf diese Aktion des Straßenbauamtes im Juni 1978. Mit ein paar Schnüren und daran hängenden Luftballons wollte das Amt zeigen, wo und wie die geplante Brücke die Lahn überquert. Später wurden die Informationen handfester und professioneller.